anna grimm

Im Labyrinth der Welten öffnen sich die Türen

Schreiben Stadtkind

Der Ball ist das Ziel

Auch, wenn ich politisch (und wahrscheinlich ganz generell) sehr andere Meinungen vertrete als mein Star Özi und mich als balljagendes Mädchen im tiefsten Süd-Österreich hin und wieder mit den Balkan-Jungs aus der Klasse um den Ball gerauft und gehaxelt habe: Özi ist heute nicht der Schuh, der mich drückt. Ganz egal, was er sagt und mit wem er Selfies macht. Ich mag den Kerl. Punkt. Es ist ja auch nicht seine politische Erleuchtung, die ich herbeisehne, sondern es sind seine Tore. Der Rest geht meist ohnehin im Jubel oder in Buhrufen unter.

Sogar die Strophen aus beliebten west-ukrainischen Skinhead-Hymnen, vorgetragen vom durchaus fähigen Torschützen der kroatischen Mannschaft, wären in der Russland WM gänzlich im Trubel untergegangen, hätte eine nachträgliche Ton-Analyse der verantwortlichen Spiel-Überwachung die Zeilen nicht nachträglich aus dem Wirrwarr heraus gepickt und nachgewiesen.

Je nach aktueller deutscher nationaler Befindlichkeit, hört man sie raus oder nicht. In jüngster Zeit, so scheint mir, deutlich häufiger als früher. Gemeint ist die Politik im Fußball. Aber zurück zu Özi. Ich will auch gar nicht über Politik, Zeitgeist oder die Türkei schreiben. Das alles kenne und verstehe ich leider meiner Meinung nach noch viel zu wenig. Vaclav Havel, jedenfalls, konnte das viel besser. Politisch schreiben, meine ich. Ja, das war halt ein Mensch. Ein Mensch wie heute …

Egal. Wir bleiben beim Fußball. Hier geht es um Fußballschuhe. Alte und neue, oder unbequeme. Welche, die ich nie tragen möchte, aber auch um Schuhe, die irgendwie von ihren vielen Vorbenutzern ausgetreten sind. Es geht mir aber auch um den frisch rasierten Fußballrasen, paradoxe Schuldzuweisungen, Hexenjagden im Torraum und die Schande (Leute, ihr könnt halt nicht immer gewinnen) der WM 2018 ganz im Allgemeinen.

Wisst ihr, was beim Fußball das Tolle ist? Es geht nur um den Ball. Bleib am Ball, kick den Ball, knall die Wuchtel ins Tor. Nächster Run auf die andere Seite. Weiterrennen. Passen, abgeben, Linie halten. Deckung nicht vergessen, Mannschaft. Stürmer neu formieren. Linke nach rechts. Rechts nach Links. Nicht die Orientierung verlieren. Den Richtigen anspielen, bitte. Und Tor.

Das können die Özis, Alabas, Rumenickes, Beckhams, Hans Krankels und Ivicas Vastic alle. Das haben sie gemeinsam. Und das – nur das – macht den Fußball aus. So wird gespielt. Okay?

Kann mein Spielplatz in Europa jetzt bitte wieder zum Fußball Stadion werden? Ein Platz, an dem die politischen Meinungen von Harry Kane oder David Beckham zum bevorstehenden Brexit ebenso nebensächlich sind wie eine tatsächlich vorhandene oder neu hinzu-interpretierte Fremdenfeindlichkeit bei Göthe oder wie, die sich von ihren Fäkalien erleichternde, gemeine Stubenfliege auf der Torlinie?

Das wünsche ich mir vom Sport. Das nennt man im saloppen Steirerjargon sich z’sammraufen und spielen. Eine wichtige Form der sportlich-sozialen gruppen– und geschlechterübergreifenden Annäherung. Man muss es ja nicht gleich so wild wie die Hooligans zelebrieren.

Mein Fazit: Die politische Landschaft Europas … Seufz … die soll sich endlich mal was vom Fußball abgucken. Nicht umgekehrt.

Ganz am Schluß noch ein Wort zum Schuh, der uns nicht drücken sollte: Danke, dass du für dein Heimatland in deiner Nationalmannschaft gespielt hast, Özi. Du warst der Kapitän im deutschen Fußball.

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    Autorin Autorin Horror, Fantasy, Phantastik

    Stadtkind, Bahn Nomadin, Autorin von Kurzgeschichten, Bloggerin

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