anna grimm

Verlorene Seelen, die Straße nach Nirgendwo, im Auge des Sturms - Tabula Rasa: ein Roadtrip in die Hölle

Fantasy, Laptop, Statue
Stadtkind

Mein verwahrlostes Paradies im reichen Westen

Über mein neues zu Hause in Westberlin könnte ich nach kurzer Zeit bereits ein Buch von epischem Umfang schreiben. Ohne Übertreibung. Heute habe ich zum Beispiel damit begonnen Beobachtungen über meine Beobachtungen der letzten Wochen anzustellen und bin zu einem gar erstaunlichen Ergebnis gekommen. Das Gesicht dieser Stadt wandelt sich! Aber wie … Tja, letzten Sommer kam ich zu Besuch nach Berlin und habe in ausschweifenden Spaziergängen meinen jetzigen Kiez erforscht.

Das viele Grün in den Straßen, die Parks und das Restaurant im Park mit dem Urlaubsfeeling haben mich von Anfang an begeistern können. Restaurant, Parks und Begrünung sind mir zum Glück erhalten geblieben, wenn auch in diesem Sommer sämtliche Grasflächen durch extreme Trockenheit gezeichnet sind. Was mich jedoch verblüfft, ist das unkontrollierte Wuchern um mich herum. Anfangs nimmt man das Geschehen nur am Rande wahr. Bis der Wildwuchs höher und höher wird. Seltsam, nicht? Gras und Unkraut schießen geradezu durch die Fugen im Gehsteig und dort, wo lose Pflastersteine eine Lücke hinterlassen haben. Jeden Tag beobachte ich, wie sich die Natur Stück für Stück ihren Raum zurückerobert. So bekommt die Verwahrlosung der Gehsteige und Grünanlagen einen post-apokalyptischen Anstrich, während kleine Zellen von der Aufopferung einzelner Menschen profitieren. Wer Glück hat lebt in einem Block, der sich durch engagierte Hobbygärtner auszeichnet, die nicht nur fleißig am Werke sind, sondern beim Hegen und Pflegen der Begrünung, der Rosensträucher und der Hecken auch Augen und Ohren für die Nachbarschaft offen halten. Das wiederum gibt dem Verfall ein Herz.

Wunderschön. Eigentlich. Wenn man den Verfall des öffentlichen Raums einer unglaublich reichen Stadt mit meinen Augen sehen will. Aber in diesen Äuglein, das muss ich zugeben, ist der Blick durch Romantik und der Sehnsucht nach grenzenloser Freiheit getrübt. Eine gefährliche Romantik. Rollstuhlfahrer, Personen mit Gehilfen und generell Personen mit Einschränkung müssen sich mittlerweile nämlich mit vielen Problemstellen, dem Fehlen von Liftanlagen in Wohnhäusern und in S-Bahn und U-Bahn Stationen plagen.

Ein nicht ganz unwesentlicher Faktor bei diesem Wandel ist übrigens die Tatsache, dass Berlins Feuerwehr ebenso unter Fahrzeugmangel leidet, wie die Berliner S-Bahnen und der Rettungsdienst. Auch das widerspiegelt sich im täglichen Geschehen. Jeder Zwischenfall oder Unfall wird dadurch ein Stück ernster und kritischer, als er sein müsste. Ob wir wollen oder nicht, die neue Lage verändert uns, wenn auch auf unterschiedlichste Art und Weise.

Die Straße wird für Automobilbesitzer übrigens täglich gekehrt. Für strikte „Autokraten“, deren Wege sich meist von Parkplatz zu Parkplatz erstrecken, ändert sich also am wenigsten. Gehsteige bleiben währendessen von den Bemühungen der Aufräumdienste weitgehend verschont. Dies geschieht mit einiger Konsequenz. Die Pragmatik, mit welcher ein verbesserungswüridger Zustand angenommen wird, verlangt mir auch Bewunderung ab. Hatte ich nicht die vielgerühmte deutsche Pingeligkeit erwartet, bei der sofort und umgehend ohne jegliche Gnade begradigt, geräumt und zurecht getrimmt wird?

Hauptstadt: Sitz schlechter Verwaltung.

Ambrose Gwinnett Bierce, (1842 – 1914), genannt Bitter Pierce, US-amerikanischer Journalist und Satiriker

Soll ich mich nun sorgen oder meine neue mir aufgedrängte Autonomie von einem paragrafengerittenen Ordnungsgefüge genießen? Ganz sicher bin ich mir noch nicht. Aber am Ende blicke ich doch immer mit Vertrauen und Hoffnung zu den Sternen. Zumindest das soll sich nicht ändern.

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    Autorin Autorin Horror, Fantasy, Phantastik

    Stadtkind, Bahn Nomadin, Autorin von Kurzgeschichten, Bloggerin

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    Leseschnipsel aus einem aktuellen Text

    Verborgen in einem Dunkelzauber beobachtete Yesenia die drei voraneilenden Wanderer. Der Vierte war ein Stück zurückgefallen. Von den singenden Dünen der Zeitenwüste hypnotisiert sprang er von der Lichtbahn. Er riss sich die Jacke aus schwarz, weiß und rot eingefärbtem Leder vom Leib und watete durch Zeitensand. Narr!

    Yesenia formte mit den Fingern der Linken ein Windzeichen und wirkte seine Magie, um den Menschen zu warnen. Zwecklos bei einem Unwissenden. Er nahm ihr Zeichen nicht einmal vage wahr. Schon drifteten die Nebelwirbel aus der fernen Dämmerung heran und umschlossen ihn. Die Gestalt des jungen Mannes verwirbelte mit den Krallenfingern aus weißen Schwaden. Sein überraschter Aufschrei durchdrang Yesenias Dunkelwolke erst, als er schon nicht mehr zu sehen war. Für immer im Nichts der Nebelfresser aufgegangen. Yesenia glaubte einen Hauch der Kälte dieses Nichts im Nacken zu verspüren und erschauderte mit einem Zittern. Konnte es einen endgültigeren, grausameren Tod geben?

    Die Aufmerksamkeit der Sucherin kehrte zu den drei verbliebenen Wanderern zurück. Eine junge Frau und der schmächtige aber hochgeschossene Junge - sie wirkten wie ein Geschwisterpaar. Hellhaarig und rosig erinnerten die beiden Erdenkinder an die umherziehenden Kommunen der Sassari auf Yesenias Heimatwelt. Den Dritten - in der Gestalt der Katze unterwegs - erkannte sie jedoch.

    Es war Isam - der Verbannte von Astari. So nannte man ihn in Yesenias Heimat. In anderen Welten verachtete man ihn als Dieb, Rächer, den Besiegten. Seit die Schule der Magy Isam verstoßen hatte, wanderte dieser mit dem Zeitenwind. Er hatte auf seinem Weg mehr Feinde als Freunde gesammelt. Es war ein Wunder, dass der Sand noch durch das Stundenglas seines Lebens rieselte. Seit Isam dem Herrn der Zeitenwinde im Kampf erlegen war, hatte man ihn im Kreis der Magy für tot gehalten.

    Yesenia lächelte, als sie dem schwarzen Kater nachsah. »Totgesagte leben länger, mein Freund. Hüte dich vor den Winden.«

    Mit Zeige- und Mittelfinger malte sie ein Symbol in die Luft. Isam hob den Kopf. Er spitzte die Ohren und lauschte dem Luftzug, den sie ihm mit dem Zeichen geschickt hatte. Seine Schnurrhaare erzitterten. Ein Fauchen entwich ihm. Geduckt schlich er weiter auf einen Kreuzungspunkt mehrer Lichtbahnen zu. Das Tor wirkte wirkte wie ein rotleuchtender Stern über den Dünen. Isam hatte die Botschaft vernommen. Aber die Warnung hielt ihn nicht von seinem Vorhaben ab.

    Warum waren diese Menschen bei ihm? Selbst die kleinsten Zeichen kannten sie offenbar nicht. Er hätte ebenso gut Analphabeten durch eine Bibliothek führen können.

    Der Kater machte einen Satz und fiel durch den Kreuzungspunkt hindurch. Sein Ziel kannte Yesinia bereits: Eine Weltenscherbe. Ihr abtrünniger Freund würde den Herrn der Zeitenwinde also erneut herausfordern, obwohl sich Unwissende in seiner Gesellschaft befanden.

    Yesenia seufzte traurig. Sie hatte es befürchtet. Mit jeder Rückkehr aus dem Verborgenen wurde Isam getriebener und rücksichtsloser. Nichts vermochte Isam je aufzuhalten.

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